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philosophie artikel (Interpretation und charakterisierung)

Freud

Psychologisches





Wenn nun unsere Sprache mit den Jung´schen Archetypen in Verbindung steht und damit in jenes Netzwerk eingreift, das sich aus den Verbindungen zwischen unseren \"Selbsten\", die Jung beschreibt, ergibt, und wenn nun Sprache einer Evolution unterworfen ist und ein bindendes Element zwischen den Generationen darstellt und mit der Phylogenese Hand in Hand geht, so muß sie folglich auch eine wichtige tiefenpsychologische und identifikationsbildende Rolle spielen. Und, glauben Sie mir, das tut sie auch! Jemandes Sprache durch den Dreck zu ziehen, hat eine sehr diskriminierende und starke Wirkung, einerseits, weil die Sprache Ausdruck des Selbstverständnisses eines Genpools ist, der von den einzelnen Individuen - getrieben durch den natürlichen Instinkt - weitervererbt, erhalten und vergrößert werden muß und dessen Erhaltung oberstes Ziel jedweder Absicht (sofern es soetwas gibt) hinter der Evolution ist; andererseits, weil Sprache auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ist, eigene Meinungen widerspiegelt und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe anzeigt. Aus dieser Tatsache heraus entwickeln sich auch die verschiedensten Chargons, so spricht man beispielsweise als Angehöriger der \"Zunft\" der Obdachlosen anders als als gekröntes Staatsoberhaupt während eines Staatsbesuchs. Das Alter spielt natürlich auch eine wesentliche Rolle: Während sich die \"Sprache\" eines Neugeborenen anfangs durch Unvermögen von der eines Erwachsenen unterscheidet, ist die eines Jugendlichen meist bewußt, oder besser: halbbewußt, aus ideologischen Gründen von der eines Erwachsenen abgehoben.
Ich komme für eine umfassende Sicht der Dinge nicht umhin, die Philosophie ein weiteres Mal zu Rate zu ziehen, drängt sich doch angesichts der Tatsache, daß jeder Jugendliche irgendwann einmal auch die Sprache eines Erwachsenen annimmt, die Frage auf, inwiefern sich hier wieder die Relativität unserer Welt zeigt: Wie sehr freiwillig verläuft der Übergang vom Jugendchargon zu den \"erwachsenen Worten\"? Ist er denn nicht von vornherein geplant, erwartet, nur eine Sache der Zeit? Wenn ja, dann leben wir in einer deterministischen Welt, in der die Zukunft jedes Teilchens und jeder Energie - also auch die Entwicklung eines Jugendlichen - durch momentanen Ort und Impuls vorherbestimmt, also determiniert ist. Ich bin versucht, dieser Ansicht einiges abzugewinnen und bin sicher, daß sich Sir Isaac Newton und René Descartes darüber sehr freuen würden, doch andererseits hat schon zu Beginn dieses Jahrhunderts ein Genie namens Albert Einstein festgestellt, daß weder Raum, noch Zeit, noch Jugendliche absolut, sondern eben relativ sind, also wird wohl doch nichts aus dem althergebrachten Newton´schen Determinismus. Das soll jetzt aber nicht heißen, daß es nicht etliche hartnäckige Erwachsene gibt, die es verstehen, mit perfektem Atavismus selbst die Sprache eines Kleinkinds noch an Primitivität zu überbieten.
Es ist die Sprache also eine wichtige Informationsüberträgerin und ein wichtiges Mittel zum Finden einer Identität, und eine Beleidigung auf diesem Gebiet kann sehr heftig ausfallen. Davon werden Sie spätestens dann überzeugt sein, wenn Sie versuchen, auf einem Treffen von ultrarechten Neonazis die \"Internationale\" in türkischer Sprache zu singen. Es gibt aber weit weniger lebensbedrohende Beispiele für die Bedeutung der Sprache, denken Sie etwa an die Wiener Gruppe, die als Reaktion auf die Borniertheit ihres Genpools die Sprache zerlegte, Wörter untersuchte, Sinninhalte vertauschte und (v. a. Hans Carl Artmann) sich auch mit Dialekten, also sehr regionalen Ausdrucksformen der Identität, und mit fremden Sprachen und den Verbindungen zur eigenen und zu Kunstsprachen beschäftigte.
Ein wunderbares Beispiel für die schockierende Wirkung ihrer Werke ist etwa das Gedicht \"scheißen und brunzen\" von Konrad Beyer und Gerhard Rühm. Viel hat sich seit 1958, als dieses Gedicht entstand, nicht getan, denn auch heute noch sind viele entsetzt über die vulgäre Sprache, die Kunstanspruch stellt, fühlen sich moralisch provoziert, schreiben Protestbriefe, gewahren sich wie Gockelhähne im Zweikampf - und das alles nur wegen einiger ordinärer Worte auf einem Blatt Papier, das vielleicht doch nicht so geduldig ist, sondern zumindest offiziellen Charakter besitzt. Da spielen wegen eines kunstanspruchstellenden \"scheissvaters\" die Freud´schen Über-Ichs in so manchen leicht braun gefärbten Hirnen verrückt und übersehen dabei, daß dies die eigentliche Absicht hinter dieser Kunst ist.
Ein weiters Beispiel für die Möglichkeit der Zerlegung der Sprache liefert ebenfalls die Wiener Gruppe mir ihrem kongenialen Text \"Abhandlung über das Weltall\". Dabei handelt es sich zunächst um einen nüchternen, populärwissenschaftlichen Vortrag über unsere Milchstraße, dessen Inhalt völlig nebensächlich ist. In der Vorbemerkung heißt es dazu: \"an diesem grundtext wurden nun manipulationen vorgenommen [...]. nach einer aufstellung der statistischen häufigkeit der verschiedenen phoneme, die der grundtext enthält, saugen die häufigeren sukzessiv die selteneren auf, bis in dem übrigbleibenden \"e\" (dem häufigsten phonem der deutschen sprache) die maximale entropie erreicht ist - die sprache ist, adäquat der entwicklung des weltalls, gleichsam den wärmetod gestorben. [...] die handlung [ist] [...] trotz zunehmender entropie noch ziemlich lange verfolgbar. zuerst störend im sinne des versprechens, dann immer einsichtiger das prinzip herausschälend, tritt eine semantische trübung ein. [...] aus dem kontext werden vom hörer [...] die entsprechenden korrekturen vorgenommen.\" Das gelingt allerdings nur solange, bis der Text komplett verschwimmt. Da es wenig Sinn hat, über solch einen Text zu schreiben, ohne ihn abzudrucken, ist er im Anhang beigelegt, wo Sie sich daran vergnügen können, Physik mit Literatur zu verbinden, indem Sie gleichzeitig die Sprache auseinander nehmen. An diesem Beispiel erkennt man, wie sehr man Sprache zerlegen kann, wie sehr man mit ihr als physisches Material arbeiten kann, was offensichtlich in der Tradition der Sprachskepsis (und des Skeptizismus eines Descartes) steht, auch Parallelen und Gemeinsamkeiten zum Dadaismus (dem Rückfall zum bewußten Symbolsetzen) und zur konkreten Poesie sind erkennbar. Daß man der Sprache nicht trauen kann, werden wir an späterer Stelle noch genauer beleuchten, für etliche Dichter folgt aus dieser Unvollkommenheit jedenfalls die Notwendigkeit der Zerlegung und des Transzendierens der Sprache.
Zum Exzeß getrieben hat dies sicher der irische Schriftsteller James Anton Aloysius Joyce, der mit dem Werk \"Finnegans Wake\" das wohl unübersetzbarste der Weltliteratur geschaffen hat. An diesem meisterhaften Text, der allein in Auszügen und in der deutschen \"Übersetzung\" schon schwierig genug zu lesen ist, haben sich Heere von Übersetzern die Zähne ausgebissen, da er das Material Sprache von innen her angreift und erstmals die Sprache der Seele, des Unbewußten, des Archetypen, die \"Grüne Sprache\", wie David Ovason sie in der Tradition der Astroalchemie nennt, salonfähig macht. In \"Finnegans Wake\" werden neue Worte geschaffen, indem Joyce alte Wortwurzeln, Wortfetzen verschiedener Sprachen und vieles mehr verbindet. Satzteile, Wörter, Buchstaben werden ausgelassen und hinzugefügt, es ergeben sich dadurch neue doppeldeutige Sinninhalte, neue Dimensionen tun sich auf, die Sprache selbst, das Medium wird zum Lebewesen, erhält Gestalt; Anspielungen auf Mythologisches, Psychologisches, Physikalisches und auf das große Weltwissen im allgemeinen reihen sich aneinander. Ich kann nicht anders, als Joyces Kunst hier nur unzureichend und beinahe lächerlich vereinfacht darzulegen, alles andere würde den Umfang dieser Arbeit sprengen, doch möchte ich zumindest eine besonders schöne Stelle zitieren, die mit der Freud´schen Vorstellung der bona dea, der Mutter, korrespondiert und sich die Form - wohl kaum übersehbar - aus dem Christentum gestohlen hat:
Im Namen Annahs, der Allmächtigen, der Unsterblichen, der Trägerin höchster Pluralitäten, geheiligt werde ihr Nabel, ihr Laich glomme, ihre Fülle erstehe, wie im Strudel, also auch im Teich.
Wunderschön ist auch Joyces Deutung der Schöpfungsgeschichte, die sich bei ihm wie folgt anhört:
Flußfluß, furbay Eva\' und Adams dahein, vom Klippenrand zur verschlungenen Bucht, und er bringt uns wieder in lässigem Circel zurück über Commodus und Vico nach Hoth Castle samt Einzugskreis.
Die Grammatik, die Syntax, die Orthographie scheinen aufgehoben, eigene Regeln, die das Unbewußte direkter ansprechen, als das die \"normale\", unzuverlässige Sprache vermag, entstehen, die Sprache wird zum Material und zum sinnlichen Erlebnis, das Wort wird zu einer neuen, umfassenden Bedeutung hingeführt. Morgenstern, Bremer, Jandl, Gominger stehen wie viele andere natürlich auch genau in dieser Tradition, wenn auch die Beweggründe eben Erwähnter sich untereinander und von jenen Joyces unterscheiden.
An dieser Stelle möchte ich ein interessantes Phänomen erwähnen, das uns ab und zu von unserer weltbild- und sprachproduzierenden Hemisphäre untergejubelt wird: Manchmal nämlich geschieht es, daß uns die Bedeutung eines Wortes völlig entgleitet und das Wort als solches, schlicht als Material übrigbleibt. Man verwirrt vorerst etwas, doch schließlich trennt man den Begriff vom Wort(-laut) komplett, und je öfter man das Wort wiederholt, desto lächerlicher und unsinniger scheint es. Mir etwa ist es einmal so mit \"Bleistiftspitzer\" ergangen, einer Klassenkollegin mit dem Wort \"Stoff\". Wenn Ihnen also das nächste Mal die Zeit lang wird, probieren Sie es einfach aus und sagen Sie fünfzig Mal \"Bleistiftspitzer\" vor sich hin. Erfolg garantiert!
Nach den einleitenden prinzipiellen Betrachtungen und nachdem wir erkannt haben, wie ungenau Sprache definiert ist und wie sehr sie zerlegt, aufgebrochen oder verstümmelt werden kann, drängt sich die Frage, was denn Sprache nun eigentlich sei, direkt auf. Wir stehen vor dem Dilemma, daß ein Wort nie das ist, was es bezeichnet - in der Philosophie bekannt als \"Geist-Körper-Problem\". Der chinesische Philosoph Lao-tse erkennt also zu recht in seinem \"Tao-Tê-King\": \"Könnten wir nennen den Namen,/ Es wäre kein ewiger Name./ Was ohne Namen,/ Ist Anfang von Himmel und Erde;/ was Namen hat,/ Ist Mutter den zehntausend Wesen\".

 
 




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