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philosophie artikel (Interpretation und charakterisierung)

Der austritt aus der hÖhle





Überlege dir nun, fuhr ich fort, wie es wäre, wenn sie von ihren Fesseln befreit und damit auch von ihrer Tor¬heit geheilt würden; da müßte ihnen doch naturgemäß folgendes widerfahren: Wenn einer aus den Fesseln gelöst und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals zu wenden, zu gehen und gegen das Licht zu schauen, und wenn er bei all diesem Tun Schmerzen empfände und wegen des blendenden Glanzes jene Dinge nicht recht er¬kennen könnte, deren Schatten er vorher gesehen hat - was meinst du wohl, daß er antworten würde, wenn ihm jemand erklärte, er hätte vorher nur Nichtigkeiten gese¬hen, jetzt aber sei er dem Seienden näher und so, dem ei¬gentlicher Seienden zugewendet, sehe er richtiger? Und wenn der ihm dann ein jedes von dem Vorüberziehenden zeigte und ihn fragte und zu sagen nötigte, was das sei? Meinst du nicht, er wäre in Verlegenheit und würde das, was er vorher gesehen hat, für wahrer (wirklicher) halten als das, was man ihm jetzt zeigt? - Für viel wahrer (wirklicher), erwiderte er.

Und wenn man ihn gar nötigte, das Licht selber anzu¬blic¬ken, dann schmerzten ihn doch wohl die Augen, und er wendete sich ab und flöhe zu den Dingen, die er anzu¬schauen vermag, und glaubte, diese seien tatsächlich kla¬rer als das, was man ihm jetzt zeigt? -Es ist so, sagte er.
Schleppte man ihn aber von dort mit Ge¬walt den rau¬hen und stei¬len Aufgang hin¬auf, fuhr ich fort, und ließe ihn nicht los, bis man ihn an das Licht der Sonne hin¬aus¬gezogen hätte - würde er da nicht Schmer¬zen empfinden und sich nur widerwillig so schleppen lassen? Und wenn er ans Licht käme, hätte er doch die Augen voll Glanz und vermöchte auch rein gar nichts von dem zu sehen, was man ihm nun als das Wahre bezeichnete? - Nein, erwiderte er, wenig¬stens nicht im ersten Augenblick.

Er müßte sich also daran gewöhnen, denke ich, wenn er die Dinge dort oben sehen wollte. Zuerst würde er wohl am leichtesten die Schatten erkennen, dann die Spiegel¬bilder der Menschen und der andern Gegenstände im Wasser und dann erst sie selbst. Und daraufhin könnte er dann das betrachten, was am Himmel ist, und den Him¬mel selbst, und zwar leichter bei Nacht, indem er zum Licht der Sterne und des Mondes aufblickte, als am Tage zur Sonne und zum Licht der Sonne. - Ohne Zweifel.

Zuletzt aber, denke ich, würde er die Sonne, nicht ihre Spiegelbilder im Wasser oder anderswo, sondern sie selbst, an sich, an ihrem eigenen Platz ansehen und sie so betrachten können, wie sie wirklich ist. - Ja, notwendig.

Und dann würde er wohl die zusammenfassende Über¬le¬gung über sie anstellen, daß sie es ist, die die Jah¬reszeiten und Jahre herbeiführt und über allem waltet in dem sicht¬baren Raume, und daß sie in gewissem Sinne auch von allem, was sie früher gesehen haben, die Ursa¬che ist. - Offenbar würde er nach alledem so weit kom¬men.

Wenn er nun aber an seine erste Behausung zurück¬denkt und an die Weisheit, die dort galt, und an seine da¬maligen Mitgefangenen, dann wird er sich wohl zu der Verände¬rung glücklich preisen und jene bedauern - meinst du nicht? - Ja, gewiß.

Die Ehren aber und das Lob, das sie einander dort spen¬deten, und die Belohnungen für den, der die vorüber¬zie¬henden Schatten am schärfsten erkannte und der sich am besten einprägte, welche von ihnen zuerst und welche da¬nach und welche gleichzeitig vorbeizukommen pfleg¬ten, und daraus am besten vorauszusagen wußte, was jetzt kommen werde - glaubst du, er sei noch auf dieses Lob er¬picht und beneide die, die bei jenen dort in Ehre und Macht stehen? Oder wird es ihm so gehen, wie Homer sagt, daß er viel lieber auf dem Acker bei einem armen Mann im Taglohn arbeiten und lieber alles mögliche er¬dulden will, als wieder in jenen Meinungen befangen sein und jenes Leben führen? - Ja, das glaube ich, sagte er. Lieber wird er alles andere ertragen als jenes Leben.

 
 




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