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geographie artikel (Interpretation und charakterisierung)

NationalitÄtenfrage



4.1. Die Prognose "Allmählich stellt sich ein immer größerer Überdruß am Krieg ein (und es) kommt (...) zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Damit verstärken sich auch die nationalistischen Tendenzen der nichtrussischen Völkerschaften (...) vor allem im Baltikum, im Kaukasus und in der Ukraine."


Wie die Wirtschaft spielt auch die Nationalitätenproblematik für Amalrik eine eher untergeordnete Rolle. Erst in Folge eines sowjetisch-chinesischen Krieges und "wirtschaftlicher Schwierigkeiten" sieht er die Gefahr nationaler Aufstände, die er dann jedoch sehr realitätsgetreu lokalisiert. Dass Amalrik in seiner Unterschätzung der Nationalitätenfrage in direkter sowjetischer Tradition steht, wird in den folgenden Kapiteln deutlich.


4.2. Der Vielvölkerstaat UdSSR

Laut statistischen Angaben des Jahres 1990 lebten in der Sowjetunion 138 Völker, die sich jedoch teilweise noch in ethnische Untergruppen aufspalten ließen (so werden z.B. Krysen und Chinalugen der Völkerschaft der Aserbaidschaner zugerechnet). Der Nationalitätenfrage versuchte man dadurch gerecht zu werden, dass die 15 sowjetischen Republiken aufgeteilt wurden in 20 Autonome Sozialistische Sowjetrepubliken (ASSR), acht Autonome Gebiete (AG) sowie zehn Nationale Kreise (NK). Den Grundtenor gab jedoch die Verfassung von 1977 vor. Dort hieß es: "Das Sowjetvolk (...) legt die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung und der Politik der UdSSR fest, bestimmt die Rechte, Freiheiten und Pflichten der Bürger (...) und die Ziele des sozialistischen Staates des gesamten Volkes und verkündet sie in dieser Verfassung." "Nicht mehr die in der Sowjetunion zusammengeschlossenen Völker, sondern ein fiktives, rein ideologisch definiertes Sowjetvolk" war also Träger dieser Verfassung. Nichtsdestotrotz wurde die UdSSR in Artikel 70 eben dieser Verfassung als "Ergebnis der freien Selbstbestimmung der Nationen und der freiwilligen Vereinigung gleichberechtigter sozialistischer Sowjetrepubliken" definiert. In der Praxis herrschte jedoch in den russischen Republiken ein "Überlegenheitsgefühl (...) mit chauvinistischen Zügen" . So wurde Mitte der 70er Jahre "die Beseitigung der Landessprachen und die eindeutige Vorherrschaft des Russischen unter dem Deckmantel des ,Konzepts der Zweisprachigkeit' forciert vorangetrieben". Hinzu kam, dass sich trotz ihrer zahlenmäßiger Unterlegenheit (in den 80er Jahren weniger als 50% der Gesamtbevölkerung) die innenpolitische Macht auf die "Großrussen" konzentrierte: "Ihr Anteil an der Mitgliedschaft in der Partei (lag) bei über 60%, in den Führungsgremien der Partei wuchs er sogar noch an (...) im Spitzengremium, dem Politbüro, waren Mitglieder der nicht-slawischen Völker immer die Ausnahme" .

4.3. Der Zusammenbruch des Vielvölkerstaates

Ende der 80er Jahre erhielten nationale Bewegungen in den einzelnen Teilrepubliken neue, dynamische Impulse, die 1991 letztendlich zum unmittelbaren Zusammenbruch des Einheitsstaates Sowjetunion führen sollten. Grund war die oben beschriebene jahrelange Ignorierung der Vielvölkerproblematik durch das Regime. Gorbatschow selbst erklärte 1986: "Die nationale Frage, wie sie uns die Vergangenheit hinterlassen hat, wurde in der Sowjetunion erfolgreich gelöst." In seinem Buch "Perestrojka" vertrat er ein Jahr später dieselbe Meinung, fügte jedoch hinzu, dies bedeute "noch lange nicht, daß nationale Prozesse problemlos verlaufen." "Nicht problemlos" - damit umschrieb er Aufstände in Kasachstan 1986, "wochenlange Demonstrationen von Krimtataren für das Recht auf Rückkehr in ihre alte Heimat" 1987; "nicht problemlos" - das bedeutete noch im selben Jahr blutige Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach, die sich monatelang ohne Lösung des Konflikts durch die Zentralregierung hinzogen. Allerdings bezeichnete Gorbatschow die Nationalitätenpolitik nun als "grundsätzlichste und vitalste Frage unserer Gesellschaft" und kündigte "in naher Zukunft" Sondersitzungen des Zentralkomitees an. Im Laufe des Jahres 1988 spitzte sich der Konflikt immer mehr zu ("in vielen Republiken - allen voran den drei baltischen - erfuhren ab Ende 1988 die nationalen Symbole (...) eine umfassende Renaissance, was gleichzeitig gegen die kommunistischen Dominanzzeichen (...) gerichtet war" ) - und gipfelte im November in der Souveränitätserklärung Estlands, der weitere folgten. Es kam zu einem \"Krieg der Gesetze" zwischen Union und Republiken. Reformversuche der Regierung seien, heißt es in der Literatur, "viel zu spät", "unsystematisch" und "halbherzig" gewesen. 1990 erklärten nach Wahlsiegen nicht-kommunistischer Parteien die baltischen Staaten, sowie Georgien und Armenien ihre Unabhängigkeit, erkannten sich gegenseitig diplomatisch an und schlossen zwei- oder mehrseitige Verträge. Die Ratlosigkeit der Regierung zeigte sich im Entwurf eines neuen Unionsvertrages zur Gründung einer "Union der Souveränen Sowjetrepubliken" (USS), der der Realität in keiner Weise entsprach. Mit ihm habe, kommentiert der Historiker Anton Bebler, Gorbatschow "die Quadratur des Kreises vollzogen, indem er sowohl den Unionsrepubliken als auch der Union selbst Souveränitätsrechte zugestand. In dem Vertragsentwurf wurden den Republiken das Eigentumsrecht an ihren eigenen Ressourcen zugesprochen, während die wesentlichen imperialen Vollmachten in den Händen der Sowjetbürokratie und bei der Zentrale blieben." Im Gegensatz zur früheren Fassung von 1977, die den Unabhängigkeitserklärung von Republiken zumindest theoretisch zuließ, "sollte, so Gorbatschow, keiner Republik der Austritt aus der Sowjetunion gestattet werden - höchstens nach dem neuen Gesetz vom 3. April 1990, das in Wirklichkeit eine Verhinderung des Austritts war." Mit Berufung auf die dementsprechende Ungesetzlichkeit der Unabhängigkeitserklärungen kam es "Mitte 1991 im Baltikum zu offenen Repressalien, Terrorisierung der Bevölkerung und zum Einsatz der Streitkräfte" . Für die nationalen und die demokratischen Bewegungen war der Vertrag der "Versuch, die alten, hierarchischen und zentralistischen Strukturen aufrechtzuerhalten" , während konservative und reaktionäre Kreise in ihm "den Anfang vom Ende der Sowjetunion" sahen, was auch das Ende ihrer Macht bedeutet hätte. Unmittelbare Folge des Konflikts war der Putsch im Jahr 1991, in dessen Folge Gorbatschow drei Tage lang in seinem Haus auf der Krim festgehalten wurde. "Nicht die KPdSU putschte; es wurde auch nicht im Namen der Bewahrung des zentralbürokratischen Sozialismus geputscht, sondern aus ,sowjetpatriotischen' Motiven" .

 
 

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