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geographie artikel (Interpretation und charakterisierung)

Entwicklung der wertemuster im westlichen teil deutsch¬lands



1. Allgemeine Entwicklungslinien hin zu \"demokratischen\" Einstellungen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland und seine Bürger zu einem beliebten Forschungsobjekt. Wird es möglich sein, die Menschen zur Demokratie zu erziehen oder wohnt ihnen eine Affinität zu Autoritäten inne, welche kaum unterbunden werden kann? Deutschland(West) wurde oft als äußerst unstabil gekennzeichnet. Man beobachtete die Entwicklungen der Einstellungen der Deutschen sehr genau. Herrschten in den 50er-Jah¬ren noch die skeptischen Stimmen vor, so wurde später deutlich, daß die Bewohner Westdeutschlands Werte und Einstellungen entwickelten, die mit anderen westlichen De¬mokratien vergleichbar waren. In seinem Aufsatz: \"Changing political Culture\" führt Da¬vid P. Conradt einige dieser Entwicklungen auf. So legten die Deutschen auf die Her¬ausbildung von Unabhängigkeit und freien Willen bei der Erziehung kontinuierlich mehr Wert. Nach der wichtigsten Aufgabe der Erziehung befragt, gaben 1951 noch 28%, 1976 bereits 51% der Bundesbürger diesem Erziehungsziel die Priorität. Allerdings besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den Generationen: Die über 50-jährigen präferieren mit 65% einen autoritären Erziehungsstil, wohingegen das nur 40% der unter 30-jährigen tut. 14% der 13 - 24-jährigen meinte 1975, daß sie ihre Kinder genauso erziehen würden, wie sie erzogen wurden (vgl. Conradt: 1989, 252f.).
Die frühere Unterstellung undemokratischer Familien konnte nicht belegt werden. Conradt schreibt das der allgemeinen sozialökonomischen Entwicklung zu, bei der die Beschäfti¬gung der Frauen zunimmt, diese dadurch mehr Macht erhalten und die Familie mithin de¬mokratischer strukturiert werden würde (vgl. ebd: S.251).
Auch außerhalb der Familie ließ sich Erfreuliches aufdecken: 1971 sagten 10 - 14-jährige häufiger als in den USA, Schweden und den Niederlanden, daß sie zur unabhängigen Meinungsäußerungen durch die Lehrer ermutigt werden würden (vgl. ebd: S.253).
Neben den Entwicklungen in der Erziehung wurde noch aufgezeigt, daß die Deutschen auf die Frage danach, ob Menschen vertraut werden könne, in zunehmenderweise (1948: 9%; 1976: 39%) mit \"Ja\" beantworteten (vgl. ebd: S.254). Dabei waren 1976 keine signifi¬kanten Un¬terschiede zwischen Alter und sozialer Klasse auszumachen (vgl. ebd: S.256).
Ähnlich stieg auch der Anteil der Menschen, die meinten, daß es mehr gutwillige als böswillige Menschen gäbe: (1949: 33%; 1976: 52%) (vgl. ebd: S.254).
Zur Veränderung der Rolle der Frau schreibt der Autor:
\"In 1961, 57 percent of German women wanted to be `only housewives´; by 1973 only 29 percent were satisfied with this role. The proportion who wanted above all to be occu¬pationally active increased during this same period from 22 percent to 53 per¬cent.\"(Conradt, 1989: 260)

2.Wertewandel in der westdeutschen Gesellschaft

Das politische System ist über die Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben. Dennoch ist die politische Kultur des Landes heute eine ganz andere als die vor z.B. 40 Jahren. Dieser Abschnitt beschäftigt sich daher mit der Frage, welche gesellschaftlichen und sozialöko¬nomischen Entwicklungen diesen Prozeß der Wandlung der Werte beeinflußen oder gar hervorbringen.

2.1 Wertewandel und Konsum
Um den Prozeß des Wertewandels nachzuzeichnen lohnt der Blick auf Konsumverhalten und Werbestrategien vergangener Zeit. Denn: \"Der Konsum ist insoweit immer Ausdruck und Ergebnis eines zu einer Zeit geltenden Normen- und Wertesystems einer Gesell¬schaft.\" (Rode, 1989: 35)
In der Nachkriegszeit war eine \"Freß-\" und \"Klamottenwelle\" zu verzeichnen. 75% des Einkommens entfielen auf den Konsum von Essen und Kleidern, 1989 waren es dagegen 33%. Es existierte eine homogene Ausrichtung der Mitglieder der Gesellschaft. Ziel war der Zugewinn von Lebensqualität und das Mittel Aufbau und Erweiterung des geistigen und materiellen Bereiches. Die einhellige Formel lautete: Je mehr Disziplin und Leistung um so mehr Ware. In den Fünfziger Jahren gab es bereits Waren als Zeichen von Lebens¬glück: Prestige und Anerkennung erringt man durch Konsum.
Mitte der 50er Jahre tritt zum demonstrativen Konsum eine von der amerikanischen Hip¬pie-Kultur beeinflußte neue Bescheidenheit hinzu. Die Gruppe ist das Bedeutende. Hier geht es nicht (mehr) darum zu zeigen, wer am meisten hat. Der Akzent verlagert sich zu dem, was verbindet (z.B. Friedenspfeife). Die neue Generation durchbricht die einstige homogene gesellschaftliche Struktur. Wirtschaftliche und staatliche Institutionen werden in den 60ern in Frage gestellt und ziviler Ungehorsam geübt.
Bis hinein in die 70er hat sich eine ganze Generation heranwachsender Konsumenten an einer \"Konsumaskese\" orientiert. Genauer gesagt hat sich bei ihr der Konsum verlagert: \"Statt mehr Klamotten kaufte man mehr Platten\" (Rode, 1989: 38). Nebenher aber stieg die Kaufkraft der Deutschen. Die Kombination aus Zeit und Geld zog eine gewaltige Frei¬zeit-Industrie nach sich.
Bürgerinitiativen legten den Grundstein zur Verbürgerlichung des Widerstandes. Insge¬samt wurden in der Werbung Jugend, Freizeit und junge Geselligkeit stärker akzentuiert. Erste Anzeichen einer Emanzipation sind hier zu finden. Mitte der 70er Jahre begannen einst Studentenbewegte zu den Werten Wohlanständigkeit, Karriere und Leistung zu ten¬dieren. Trotzdessen traten insbesondere zu Beginn der 80er vermehrt Frauen-, Ganzheitli¬che Medizins-,Ökologie- und Friedensbewegungen auf den Plan. Sie waren die äußeren Zeichen eines Paradigmenwechsels. Diese Gruppen vernetzten sich zusehends und wur¬den so zu einem Hauptanstoß zur Bildung der GRÜNEN.
Es war auch die Zeit des berühmten Berichtes von den Grenzen des Wachstums. Es trat eine allmähliche Desillusionierung ein. Es konnte nicht immer so weiter gehen. \"Die Kulturpessimisten gewannen eindeutig die Überhand vor den Fortschrittsgläubigen.\" (Rode, 1989: 41) Es entwickelte sich eine Bioszene, man zeigte sich kritisch gegenüber industriell gefertigten Lebensmitteln. Nebenbei beginnt sich in der Werbung ein Trend herauszuschälen, der bis heute Bestand hat: Individualisierungs- und Selbstverwirkli¬chungstendenzen in Abenteuer, Freizeit und Konsum. Zudem gab es Ende der 70er Anfang der 80er erste Zeichen eines zunehmenden sozialen Verantwortungsbewußtseins.
Die Trends setzen sich in den 80ern weiter fort: gefragt ist der vernünftige Konsum, aber nicht die Konsumabstinenz. Die Gesellschaft ist auf der Suche nach neuen, besseren Werten, die mehr auf Menschlichkeit und Solidarität zielen. Als Qualitätssiegel gewinnt die Natürlichkeit und Naturbelassenheit an Bedeutung. Die besten Chancen als Anbieter hat, wer ehrlich und aufklärerisch um sein Produkt wirbt. Die dringlichsten Aufgaben werden in den Bereichen Arbeitsplatz, Sicherung sozialer Leistungen, Ökologie und Frie¬den gesehen (vgl.: S.43).
Dieser historischen fügt Rode eine Einteilung in drei Generationsgruppen hinzu. Danach ist die Jahrgangsgruppe 1915-1935 durch einen Arbeit-Ethos geprägt. Es herrscht eine Entbehrungsmentalität vor, die das Ergebnis des Erlebens von politischem und wirt¬schaftlichen Chaos sei sowie teilweise daraus resultiere, daß man für die Nachkommen spart, \"die es einmal besser haben sollen.\" (S.44)
Die Jahrgänge 1935-1955 haben nach Rode ein ambivalentes Verhältnis zum Wohlstand. Ihr Kapital verkonsumieren sie größtenteils selbst, da sie die Frage umtreibt, warum es die Jüngeren denn besser haben sollten als man selbst (vgl.: S. 45).
Bei den Jüngeren (Jahrgänge 1955-1974) stellt der Autor einen Übergang von einem Ar¬beits-Ethos zur Job-Mentalität fest. \"Arbeit wird Mittel zum Zweck, zur Realisierung vielfältiger Konsum- und Freizeit-Interessen.\" (Ebd.) Diese Generation kennzeichne sich durch einen starken Hang zur Individualität wie auch einer \"Gegenwartsorientierung\" und \"Genußmoralität\". (\"Hier und jetzt will ich leben!\") (Vgl. ebd.)
Ferner deckt Rode eine Entwicklung auf, wonach nicht mehr primär die Kaufkraft einer Bevölkerungsschicht den Konsum bestimmen, sondern sich quer durch alle Schichten Konsumtypen und -stile herausgebildet hätten (vgl.: S.48).

2.2 Wertewandel und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen
Hier soll erkundet werden, was sich bei gleichbleibendem politischem System im Zuge einer allgemeinen Modernisierung für den Einzelnen verändert hat.
Ulrich Beck prognostiziert in seinem Buch \"Risikogesellschaft\" eine sinkende Bedeutung traditioneller sozialer Einbindungen für den Menschen. Wir seien Augenzeugen eines Ge¬sellschaftswandels innerhalb der Moderne, \"in dessen Verlauf die Menschen aus den Sozialformen der industriellen Gesellschaft - Klasse, Schicht, Familie, Geschlechtslagen von Männern und Frauen - freigesetzt werden.\" (S. 115) Es entstünden der Tendenz nach \"individualisierte Existenzformen und Existenzlagen, die die Menschen dazu zwingen, sich selbst - um des eigenen materiellen Überlebens willen - zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführung zu machen\" (S.116/117). Individuen würden \"zum Akteur ihrer marktvermittelten Existenzsicherung und der darauf bezogenen Biographie¬planung\"(S.119) werden. Systemprobleme würden aufgrund der enttraditionalisierten Le¬bensformen, die eine \"neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft\" (S.118) zur Folge habe, als individuelle Probleme erscheinen (z.B. Arbeitslosigkeit). Bezüglich von Form und Sinn der Familie entstehe der Typus der \"Verhandlungsfamilie auf Zeit, in der sich verselbständigende Individuallagen ein widerspruchsvolles Zweckbündnis zum ge¬regelten Emotionalitätsaustausch auf Widerruf eingehen.\" (Ebd.)
Anstelle der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht tritt nach Beck nun zunehmend eine Vergesellschaftung neuer, soziokultureller Gemeinsamkeiten z.B. entlang von Moderni¬sierungsrisiken auf (vgl.: S.119). Sie kristallisieren sich in den neuen sozialen Bewegun¬gen und in Bürgerinitiativen.
Eine Erhöhung der Einkommen der Arbeiterklasse um ein Vielfaches trug dazu bei, daß auch diese Schicht mehr Bewegungsspielräume bekam und somit z. B. die Anschaffung einer Wohnung oder eines Hauses für immer mehr Menschen erschwinglich wurde (vgl.: S.123). \"Das Mehr an Geld wie das Mehr an erwerbsarbeitsfreier Zeit kollidierten mit den traditionalen Tabuzonen klassen- und familienbestimmten Lebens. Das Geld mischt die sozialen Kreise neu und läßt sie im Massenkonsum zugleich verschwimmen.\" (S.124) An ihre Stelle treten ungleiche Konsumstile (in Einrichtung, Kleidung usw.), die die \"klassenkulturellen Attribute abgelegt haben.\" (S.125) \"Die Lebenswege der Menschen verselbständigen sich gegenüber den Bedingungen und Bindungen, aus denen sie stam¬men.\" (S.126)
Die Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit führe dazu, daß sich die Machtbeziehungen in Ehe und Familie verädern würden. Selbstverdientes Geld setze die Frauen in die Lage, ihre Einbindung in Familie und Ehe zu lockern (vgl. ebd.). Das Geld, durch welches die Frauen ihre klassische Rolle teilweise verlassen, erzwinge wiederum \"Ausbildung, Mobilität, Eigeninteressenwahrnehmung usw. und verlängert damit den Individualisie¬rungsschub in den Familienzusammenhang hinein.\" (S.127) Mittels der Bildungsexpansion (insbesondere für Frauen) wurden traditionelle Orientierungen und Lebensweisen durch Lehr- und Lernbedingungen relativiert oder verdrängt (vgl.: S.128f.). Da Bildung dar¬über¬hinaus mit Selektion zu tun habe, erfordere sie individuelle Aufstiegsorientierun¬gen (vgl.: S.129). Bildung sei im Zuge der Bildungsexpansion \"ein notwendiges Mittel gegen den Abstieg\" (ebd.) geworden. Im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit stellt Beck dar, wie es wachsende Grauzonen zwischen registrierter und nicht registrierter Arbeitslosig¬keit gibt (S.146f.). Eine wachsende Anzahl von Menschen macht Erfahrungen mit einer tempo¬rären Arbeitslosigkeit, vor der keine Qualifikations und Berufsgruppe mehr Schutz biete (ebd.). \"Arbeitslosigkeit ist in ihrer Verteilung als lebensphasenspezifisches Einzel¬schicksal kein Klassen- oder Randgruppenschicksal mehr, sondern generalisiert und nor¬malisiert worden.\" (S.148)
An die Stelle nach Zielen wie \"ein neues Auto\" oder \"ein glückliches Familienleben\" ist mittels der jüngeren Generation, der besseren Ausbildung und des höheren Einkommens die \"Selbstverwirklichung\", die \"Suche nach der eigenen Identität\" getreten. \"Besessen von dem Ziel der Selbstverwirklichung reißen sie [die Menschen] sich selbst aus der Er¬de heraus, um nachzusehen, ob ihre Wurzeln auch wirklich gesund sind.\" (S.156) Die Selbstfindungsorgien werden indes zum Motor gesellschaftlicher Entwicklung: \"Das po¬litische Potential der sich entfaltenden Privatssphäre liegt [...] in der Wahrnehmung von Selbstgestaltungsmöglichkeiten, darin, tiefsitzende kulturelle Selbstverständlichkeiten durch die direkte Tat des Andersmachens zu verletzen und zu überwinden.\" (S.157)
Weidenfeld/Korte weisen darauf hin, daß diese Tendenzen z.T. komplementäre Gegen¬tendenzen provozieren. Sie sprechen von Ambivalenzen in der Grunddisposition der Deutschen wie z.B. zwischen
- autozentrischem Selbstverständnis und neuen Suchbewegungen nach Geborgenheit im Vertrauen;
- hohem Individualisierungsdruck und steigendem Sicherheitsbedürfnissen;
- Pluralisierung der Lebensstile und der Suche nach neuen übergeordneten Loyalitäten und Orientierungsmustern (siehe Weidenfeld/Korte 1991: 84) sowie
- Kinderwunsch und Individualisierungsstreben (vgl. ebd.: S.77).
Der Modernisierungsprozeß wird demzufolge für jeden Einzelnen darin spürbar, daß er eine Spannung zwischen der Hingabe zum traditionellem Lebensstil einerseits und zu \"progressiveren\" Lebensformen andererseits auszuhalten hat.

 
 

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