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deutsch artikel (Interpretation und charakterisierung)

Alfed andersch: sansibar oder der letzte grund, die rolle der nationalsozialisten im buch


1. Drama
2. Liebe

Alfred Andersch- Sansibar oder der letzte Grund Thema des Aufsatzes: Die Rolle der Anderen (der Nationalsozialisten) im Buch Alfred Anderschs 1957 veröffentlichtes Werk ,Sansibar oder der letzte Grund' handelt von fünf, in ihren Absichten sehr unterschiedlichen Menschen, die sich 1937 in dem kleinen Ostseestädtchen Rerik aufhalten. Unter dem Eindruck der sehr düster geschilderten Atmosphäre des Nationalsozialismus begegnet dem Leser der Schiffsjunge, der aus Langeweile aus Rerik weg will, der Kommunist Gregor, der sich von seiner Partei abzuwenden beginnt, der Pfarrer Helander, der im ersten Weltkrieg sein Bein verloren hat, der Fischer Knudsen, den Gregor im Auftrag der Partei treffen will, und Knudsen behinderte Frau Bertha. Schließlich befindet sich noch die wohlhabende Jüdin Judith in Rerik, die nach Schweden flüchten will. Als letztes ist da noch die Holzfigur, der ,lesende Klosterschüler', der den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge ist. Ernst Barlach verwendet für die Nationalsozialisten im gesamten, in Episoden geschriebenen Buch nur den Ausdruck "die Anderen". Jede der Personen sieht die Nationalsozialisten aus einem anderen Blickwinkel.

     Als erstes Knudsen, der Fischer, der eigentlich nicht persönlich betroffen ist, sich aber sehr Sorgen macht um seine Frau Bertha. Sie ist aufgrund ihrer leichten geistigen Behinderung gefährdet, jeden Moment abgeholt zu werden Vgl. S.14 "Wenn er mit dem Kutter draußen auf See war, hatte er immer Angst, bei der Rückkehr Bertha nicht mehr vorzufinden." Schon ein Jahr zuvor hatten die Nationalsozialisten versucht, seine Frau in eine Anstalt zu bringen. Dies scheint an und für sich nichts schlechtes zu sein, aber Knudsen weiß genau, dass es sich dabei keineswegs um ein Anstalt handelt, in der versucht wird, Behinderten zu helfen, sondern in der man sie vorsätzlich tötet.

     Mit Müh und Not konnte er die Einlieferung gerade noch verhindern. Knudsen liebt seine Frau und hängt sehr an ihr, daran können nicht einmal die Drohungen der Nationalsozialisten etwas ändern. Diese benutzen Bertha als Druckmittel gegen das KPD-Mitglied Knudsen. Was diese Anstalten betrifft: Heute spricht man vom sogenannten Euthanasieprogramm, in dem im dritten Reich zwischen 250000 und 300000 Menschen aufgrund einer Behinderung getötet wurden. Euthanasie (griech.) bedeutet ursprünglich Erleichterung des Todeskampfes, zum Beispiel durch Narkotika, um unheilbar Kranke oder Schwerstverletzte von unerträglichen Leiden zu erlösen.

     Doch die Nationalsozialisten übertrugen den Darwinismus (Darwins Lehre besagte, ,nur der Stärkste überlebt' und dies sei ein natürliches Gesetz) auf den Menschen, um fortan ein Rechtfertigung für das Töten von ,Schwächeren' zu haben. Mit dem ,Euthanasiebefehl' ermächtigte Adolf Hitler die Tötung ,lebensunwerten Lebens'. Verschleiert wurde die Aktion in offiziellen Schriften mit dem Begriff ,Gnadentod'. Als ,lebensunwert' galten demnach vor allem missgebildete Kinder und an Geistes- oder Erbkrankheiten oder Syphilis leidende Erwachsene, insbesonders dann ,wenn sie einer nach der Ideologie ,minderwertigen' Rasse angehörten. Diese Aktion war auch ,T4' genannt, nach der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4. Nach massiven Protesten durch die Bevölkerung und besonders durch die Kirche wurde die Aktion am 24.

     August 1941 eingestellt. Das Morden ging jedoch insgeheim weiter (Man geht von etwa 30000 weiteren Toten aus). Über Knudsens Ansichten wäre noch zu sagen, dass er versucht der Gefahr durch die Faschisten zu entrinnen, indem er überlegt, die Figur einfach zu versenken. Er ist sich dabei nicht ganz sicher, ob sich die Nationalsozialisten politisch an der Macht halten werden, Vgl. S.135.

     "...vielleicht konnte man die Figur später, wenn es die Anderen nicht mehr gab, wieder herausholen- (...

    ) Wenn es aber die Anderen immer geben würde- und -Knudsen konnte sich eine Welt ohne die Anderen nicht mehr vorstellen- dann war es schließlich gleichgültig, ob sich dieses Stück Holz in einer Kirche am Ende der Welt befand oder auf dem Grund der See." Er benutzt diese düstere Zukunftaussicht als Ausrede die Figur loszuwerden und sich von diesem Ballast zu befreien. Gleichzeitig lindert dies auch seine Sorgen um Bertha. Auch bezeichnet er Judith als "irgendein jüdisches Mädchen" (Vgl. S.138).

     Er flüchtet sich in die Vorstellung, dass es nicht wert sei, sein Boot, sein eigenes Leben und obendrein noch Berthas Leben für eine von so vielen aufs Spiel zu setzen. Er sieht sie als ein Mädchen von vielen, die Hilfe nötig hätten. Scheinbar empfindet er Mitleid für sie, meint aber ,dass es auf eine mehr oder weniger nicht ankommt. Vgl. S. 138 ".

    ..dann ist es erst recht sinnlos, wenn ich mein Leben und mein Boot und Bertha für irgendein jüdisches Mädchen (...) auf Spiel setze.

    " Neben Knudsen findet sich ein weiterer Kommunist in Rerik: Der unauffällige KPD-Mann Gregor, der sich immer mehr von seiner Partei abzuwenden beginnt und plant auszusteigen. Knudsen zu treffen ist sein letzter Auftrag. Auch er beabsichtigt zu flüchten. Gregor verliebt sich ein wenig in Judith, was seit den Nürnberger Gesetzen von 1935 unter Strafe stand. Liebe zwischen Ariern und Nichtarier (also vorrangig Juden) galt als Rassenschande. Gregor ist der Meinung, dass nur taktische Strategien und kluge Köpfe die Nationalsozialisten besiegen könnten, deswegen verzichtet er auf einen Kuss, um wenigstens sich selbst retten zu können.

     Außerdem schließen sich "Illegalität und Liebe' aus, so ist er der Meinung. Darüber hinaus schwebt er als politisch anders Denkender in Gefahr. Die Nationalsozialisten zählten Sozialisten und Kommunisten zu ihren Hauptfeinden. Vor allem gegen Zweite wurde heftigst nach Brand des Reichstages propagiert. Es wurde öffentlich verkündet, die Kommunisten hätten den Brand gelegt und damit ein Signal zum Aufstand gegeben. Dies war eine Propagandalüge um Kommunisten, Sozialdemokraten und linke Kritiker zu verfolgen.

     Daraufhin wurde ein Gesetz erlassen, das bis 1945 grundlegend für den Naziterror war. Es setze wichtige Grundrechte außer Kraft wie Freiheit der Person, Meinungfreiheit, Sicherheit des Eigentums u.a.. Bald wurden die Gewerkschaftsbüros besetzt und die Funktionäre verhaftet (2. Mai 1933).

    Danach waren ihnen Versammlungen, öffentliche Kundgebungen etc. verboten. Sie wurden systematisch politisch verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt und ermordet. Gregor bemerkt dazu: "...

    zwei Jahre Vorbereitung auf die Illegalität, (...) Und nun im Jahre 1937, da niemand mehr viel befürchtete, zogen die Anderen plötzlich die Schraube an. (..

    .) Verhaftungen in Rostock, in Wismar, (...) an der ganzen Küste. Sie zerbrachen das Holz, als es mürbe geworden war.

    " (Vgl. S. 15) Ihm ist bewusst, dass er in Gefahr schwebt. Trotzdem macht er einen Unterschied zwischen seinem Schicksal und dem der Juden. Vgl. S.

    61 "Ich kann wählen: die Flucht oder das Martyrium. Sie aber können nicht wählen: Sie sind Ausgestoßene." Darin sieht er doch noch eine kleine Freiheit. Politische Gegner sind zwar äußerst unerwünscht und sollten eliminiert werden, aber Juden sind hilflos, sie haben keine Wahl. Zu diesem Zeitpunkt, 1937, hatten Juden historisch gesehen noch die Möglichkeit zu fliehen, ab 1941 war dies ihnen strengstens verboten. Trotzdem weigerten sich mit der Zeit immer mehr Länder, Flüchtlinge aufzunehmen, deswegen war es recht schwierig, auch vor 1941 zu fliehen.

     Auch sieht Gregor den Sieg der Nationalsozialisten als Niederlage an, die Zeit nach dem Sieg als "Kampf nach einer Niederlage" Vgl. S.24. Er ist der Meinung ,dass es nun keine "glorreichen Banner" mehr geben kann, nur noch gefärbte Leinwandstücke. Auch wenn die Zeit der Nationalsozialisten vorüber ist, wird es auf der Welt keine Fahnen mehr geben. Die Nazis sind richtigen Fahnen nicht würdig und die Menschheit, die dieser Propaganda geglaubt hat, auch erst einmal nicht.

     Gregor schließt fast eine Freundschaft mit der Plastik "lesender Klosterschüler", die der Pfarrer Helander zu retten versucht: Vgl. S.30 "Ich muss den Mönch zum Probst von Skillinge schicken. Oder ihn zerstören. Ausgeliefert darf er nicht werden." Helander selbst zweifelt an seinem Glauben.

     Stadt, Kirche und Pfarrhaus erscheinen im still, sie sind scheinbar zu einem "schalltoten, echolosen" Raum geworden, seitdem die Nazis gesiegt haben. Er erklärt sich diesen Sieg nur durch die Abwesenheit Gottes. Er empfindet diese Stille als unerträglich. Für ihn schließen sich Glauben und Nationalsozialismus aus. Er wird in diesem Absatz ironisch und fängt an, an Gott zu zweifeln: Vgl. S.

    96 "'Der hohe Herr hält es nicht für nötig, anwesend zu sein.', dachte der Pfarrer höhnisch und erbittert, ,Vielleicht hat er dringendere Geschäfte.' " Helander weiß, dass Gregor, Knudsen und die Holzfigur am nächsten Tag verschwunden sein werden. Er personifiziert dabei die Figur. Genauso wie Knudsen sucht er einen Ausweg aus seiner Lage. Mit dem schmerzenden Bein, das ihn halb zu einem ,Krüppel' macht, fürchtet er Opfer der Nazityrannei zu werden.

     Er ist sich sicher, dass er Folter ausgesetzt sein wird und dass er nicht einmal Gott haben wird, der ihm in diesen dunklen Stunden beisteht. Helander traut den Nationalsozialisten alles zu, sie sind für ihn gewalttätig und haben kaum noch menschliche Züge. Er malt sich die schrecklichsten Dinge aus und sieht seine Wunde wieder aufbrechen, was gleichbedeutend mit dem Tod wäre. Er wäre dann kein Mensch mehr, nur ein "stöhnendes Stück Fleisch", "das man am Ende auf ein Bett schmeißen wird, um es verrecken zu lassen" (Vgl. S.97).

     Sein Geist wäre dann schon gestorben und selbst die einzige gute Geste, die er den Nationalsozialisten zutraut, wird ihn noch hilfloser machen und ihm nicht einmal mehr ermöglichen, zu beten, was ja sein ganzes Leben bestimmt hat. "Ein verreckender Körper, den vielleicht ein barmherziger Gefängnisarzt zuletzt in Morphium hüllt, sodass das Gehirn, das in diesem Körper lebte, nicht einmal mehr beten würde können." Mit diesen düsteren Zukunftaussichten rechtfertigt er seinen plötzlichen Unwillen, die Figur zu retten. Er hat einfach Angst. Helander ist der Überzeugung, eine Welt in der Gott abwesend ist, ist ein Reich des Satans, also ist die Welt in der die Nationalsozialisten bestehen bleiben, auch das Reich Satans. Erwähnenswert wäre hierbei wie das Verhältnis der Nationalsozialisten zu der Kirche historisch aussah.

     In den ersten Monaten nach der "Machtergreifung" 1933 gab sich Hitler betont christlich. Mit dem Vatikan schloß er im Juli 1933 ein "Reichkonkordat", das der katholischen Kirche große Zugeständnisse machte. Sie selbst musste dafür versprechen, den Geistlichen und Ordensleuten die Mitgliedschaft in politischen Parteien zu untersagen. Die evangelischen Landeskirchen wollte Hitler möglichst in einer einheitlichen Landeskirche zusammenfassen. Gegen eine von den Nationalsozialisten beherrschte Kirche leisteten Geistliche wie der Pfarrer Martin Niemöller jedoch Widerstand. Auch mit der katholischen Kirche kam es bald zur offenen Auseinandersetzung, als der Papst Verletzungen des Reichskonkordat scharf kritisierte.

     Der nationalsozialistische Staat antwortete darauf mit der Schließung von Klosterschulen. Viele Geistliche kamen in Konzentrationslager. Der ,lesende Klosterschüler' ist gefährdet, von den Nationalsozialisten abgeholt zu werden, da er eine Plastik Ernst Barlachs ist, ein im dritten Reich geächteter Künstler. Schon Helander fällt auf, dass es seltsam ist, dass eine bloße Holzfigur die ,Anderen' mehr provoziert als ein Jesusbild Vgl. S. 98 "Ihn [den Klosterschüler) wollen die Teufel holen, nicht das Christusbild auf dem Altar wollen sie haben, das Bild Gottes, sondern das Bild des jungen Lesers, des Gotteschülers.

    " Auch Gregor erkennt, dass jemand, der einfach frei ist und liest, ein Freigeist nun einmal, für die Nationalsozialisten gefährlicher ist als ein Altarbild: "Gregor konnte sehr gut verstehen, warum die Anderen den jungen Mann nicht mehr sitzen und lesen lassen wollten. Einer, der so las wie der da, war eine Gefahr." Im Zuge der Gleichschaltungspolitik (Ausschaltung jeglicher politischer Opposition, Kontrolle der Presse, der Gewerkschaften, der Kultur usw.) im dritten Reich entstand der Begriff "entartete Kunst", unter die auch ,der Klosterschüler' fiel. Man versteht darunter solche Kunst, die von den Nationalsozialisten als ,staatsgefährdend' angesehen wurde. Dies waren zum Beispiel Werke von Juden oder politisch anders Denkender.

     Sie sahen alle Kunstwerke und kulturelle Stilrichtungen als entartet an, die mit ihrem Verständnis für Kunst und dem Schönheitsideal nicht in Einklang standen. Dazu gehörten u.a. Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Surrealismus. Verboten wurden Werke von u.a.

     Marc Chagall, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Otto Dix, Max Ernst oder Ernst Barlach. Dies traf alle Kunstrichtungen gleichermaßen, wie den Film, die Musik und die Literatur. 1937 begann die Beschlagnahmung von ca. 16000 Werken der Moderne, die entweder verkauft oder zu einem großen Teil zerstört wurden. 1938 kommt es zum "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst. Somit wurde die Enteignung legalisiert.

     Ernst Barlach schuf nach seiner Abschlussprüfung 1845 viele Kunstwerke und etablierte sich als Künstler. 1924 erhält er den Kleistpreis. Wenige Tage vor der Machtergreifung hält er am 23.01.1933 eine Rundfunkrede, in der er gegen den Zwangsausschluss Käthe Kollwitz' und Heinrichs Manns aus der preußischen Akademie der Künste, aus der er selber 1937 erzwungenermaßen austreten musste. Das Ehrendenkmal im Magdeburger Dom löst 1929 Empörung in den ganzen Bevölkerung aus, was die breite Zustimmung des Volks zu der Politik der Nationalsozialisten zeigt.

     Mit dieser Skulptur schlägt sich Barlach auf die Seite der Opfer des Krieges. In der Folgezeit bekommt Barlach immer seltener Aufträge. Als Bolschewist und Jude verunglimpft, beginnt eine Zeit der Ausgrenzung seiner Werke. Sie werden aus Museen und Magazinen genommen. Er ist nun einmal ein Künstler, der entartete Kunst herstellt. Der Junge versteht nichts von Nationalsozialismus und den Juden.

     Er weiß nur gering Bescheid, erkennt jedoch etwas Wesentliches: " ,Das Mädchen ist ne Jüdin', dachte der Junge, ,er wusste von Juden nur das, was sie ihm in der Schule erzählt hatten, aber er verstand plötzlich,, dass Juden so was ähnliches waren wie Neger Jim für Huckleberry Finn, sie war jemand, den man befreien musste." Kinder wurden seit ihrer frühsten Jugend zur nationalsozialistischen Ideologie erzogen, kamen in die Hitlerjugend bzw. in den Bund deutscher Mädel. Der Junge aber formt sich trotz dieser massiven Beeinflussung seine eigene Meinung, inspiriert durch Literatur wie Huckleberry Finn. Als letztes wäre noch das Verhältnis zwischen Judith und den Nationalsozialisten zu schildern. Als einzige Figur erfährt man ihren ganzen Namen: Judith Levin.

     Judith ist Jüdin und wird als einzige aktiv bedroht. Sie muss jeden Tag fürchten, entdeckt zu werden. Mit ihrem Namen ist sie schon öffentlich gebrandmarkt. Vgl. S.20 "Judith Levin.

     Es war ein stolzer Name, ein Name, der abgeholt werden würde, ein Name, den man verbergen musste." Sie fürchtet, ihren Pass vorzuzeigen, aus Angst deportiert zu werden. Die Nazis haben so Kontrolle über den ganzen Alltag. In ihre Ausweis findet sich ein großer Stempel mit einem J. Judiths Hoffnung ist, dass es ihr gelingt nach Schweden zu fliehen. Dazu bandelt sie sogar mit einem Matrosen an.

     Aber das nützt ihr wenig. Nicht vielen Juden gelang eine Flucht nach Schweden oder in eine anderes Land wie Judith. Nachdem Dänemark und Norwegen von den Nazis angegriffen worden waren zu Anfang des 2. Weltkrieges, war vor allem das neutrale Schweden Ziel vieler Flüchtlinge, waren sie schon seit der Machtergreifung 1933 massiv diskriminiert und ihr Alltag erschwert worden. Ab 7. April 1933 wurde zum Boykott gegen alle jüdischen Ärzte und Rechtsanwälte aufgerufen, ab 22.

     April sollten alle Geschäfte gemieden werden. Es standen oft SS-Männer vor den Läden, die den eintretenden Gästen rieten, doch besser in einem ,deutschen' Geschäft einzukaufen. Seit dem 15. September 1935 waren Juden keine Reichsbürger mehr, nur noch Staatsangehörige. Dies war der Tag der Nürnberger Gesetze, in denen auch festgelegt wurde, wer Voll-, Halb-, bzw. Vierteljude war.

     Ab 1935 wurden Juden allgemein Zielscheibe staatlicher Politik. Sie hatten kein öffentliches Stimmrecht mehr, durften keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden usw. Juden wie Judith, die aus gutem Hause stammten und damit Geld hatten, wurde das Vermögen entzogen. Ab 1941 mussten alle Juden im Reich einen Judenstern tragen, der sie auf der Straße erkenntlich machte. Nicht alle Juden wie Judiths Mutter erkannten schon so früh, dass man aus Deutschland bzw. aus dem Reich flüchten müsse, um sein Leben zu retten.

     Zwischen 1933 und 1938 emigrierten nur 180000 von 50000 deutschen Juden. Judiths Mutter bemerkt hierzu: Vgl. S.19 "Sie werden ihren Krieg machen, Kind, glaub mir! Er ist schon ganz nah, ich kann ihn schon fühlen. Und sie werden uns alle sterben lassen in dem Krieg." Hierbei ist sie eine von nicht vielen, die vor dem zweiten Weltkrieg nicht gehofft haben, dass sich alle wieder ,einrenken' werde.

     Judiths Mutter hatte recht: Die Nationalsozialisten hatten schon zu dieser Zeit konkrete Pläne für die ,Endlösung', d.h. die endgültige Vernichtung aller Juden. Ab 1941 setzten Deportationen der Juden in Ostgebiete ein, zunächst zur Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, später in Vernichtungslager wie Auschwitz, Treblinka, Belzec oder Sobidor. Die Aufgabe dieser Lager war die bloße Rekrutierung von Arbeitskräften und deren "Vernichtung durch Arbeit". Die Lebensdauer eines Häftlings in einem solchen Lager betrug durchschnittlich 9 Monate.

     Schließlich wurden sie erschossen oder vergast. Vor der militärischen Niederlage Deutschlands starben etwa 5,3-6 Mio. Juden, Polen, politisch anders denkende Denkende etc. in den KZs. Judiths Mutter versucht diesem grausamen Schicksal zu entfliehen, indem sie Selbstmord begeht Vgl. S.

    20 "Mamas armen Gifttod". Die tägliche Kontrolle, die die Nazis ausübten, trifft auch Judith, die schon Angst hat, wenn ein Dorfpolizist auftaucht. Sie kann nicht wissen, dass nur die Nationalsozialisten gefährlich sind: " ,Sie hat keine Ahnung', dachte Gregor, "dass die Grünen ungefährlich sind, gefährlich sind nur die Anderen." Ausserdem weiß nicht, dass in Wirklichkeit das heimliche Geflüster unter dem Tisch, was langsam lauter wird, dass Gefährliche ist. Irgendwann bekommen die Nationalsozialisten Wind davon, dass sich ungewöhnlicherweise eine Jüdin in Rerik aufhält. Das fällt auf.

     "Gefährlich werde ihre Reden nachher sein, (...) das dunkle Gerücht, aus dem Nichts aufsteigend und um die Türme von Rerik wehend, bis an die Ohren der Anderen. Gregor behagt die Zuversicht, Judith vielleicht retten zu können. Vgl.

     S91 "Es konnte sein, dass die Rettung eines Mädchen ihn zu einem Gefühl bewegen würde, wie es die Rettung jenes Dings, das er einen Götzen nannte, nicht hervorrief." Es galt damals als Hochverrat, Juden zu retten, seinen sie doch ,staatsfeindlich' und zu vernichten. Dennoch wagten es eine Handvoll Menschen wie zum Beispiel Oskar Schindler, Juden zu retten. Allerdings nutzt Gregor auch einen kleinen Moment der Macht über Judith aus, als sie ihn im Halbdunkel nicht erkennt. Sie hält ihn für einen ,Anderen' und sieht ihr Schicksal schon als besiegelt an. "Sie wusste nicht, wie sie aussahen, sie hatte keine Erfahrung mit ihnen, sie wusste nur ,dass man vor ihnen floh oder dass man Selbstmord beging, wenn man nicht mehr vor ihnen fliehen konnte.

    " Weil ihn eine Art Abneigung erfasst, als er in ihr verwöhntes Gesicht schaut, lässt er sich dazu hinreißen, sie noch ein wenig mit Fragen zu foltern: "...gereizt durch ihre abwesende und fremdartige Hilfslosigkeit, trieb er einen Augenblick lang das grausame Spiel seiner Fragen weiter." Allein dadurch, dass er einen Augenblick im Raum stehen lässt, ob er einer von den Bösen, ein Nationalsozialist, ist, erlangt er Macht über Judith, die sofort glaubt, entdeckt worden zu sein. Judith selbst scheint überhaupt keine Erfahrung zu haben mit ausweglosen Situationen.

     Auf die Frage, was sie machen würde, wenn Gregor tatsächlich ein Faschist wäre, weiß sie keine Antwort, Gregor bemerkt nur ironisch: "Ins Wasser springen? (...) Was glauben sie, wie schnell man sie wieder herausgefischt hätte?" Dabei ist er sich völlig sicher, dass er einen Ausweg wüsste, sich selbst, als politisch Verfolgter, zu retten, wenn er sich solch einer Situation stellen müsste. Auch erscheint im Roman ein Beispiel für die Rassenlehre der Nationalsozialisten: " ,Getauft', sagte Gregor verächtlich, ,das macht doch keinen Unterschied. Den Anderen ist das ganz egal, ob sie getauft sind oder nicht.

    ' Judith ist getauft, aber die nationalsozialistischen Ideologie besagt, dass Juden eine Rasse sei, deswegen war es egal, ob jemand sich zu seiner Religion bekannte, oder nicht. Die Judenfeindlicheit nahm ihren Anfang darin, dass man glaubte, Juden seien ,Christusmörder'. Die Nazis sprachen auch vom Juden als Unglück des deutschen Volkes und es gefiel ,den Anderen'' ganz und gar nicht, nachdem schon in früheren Zeiten (vor dem Nationalsozialismus) Juden viele Berufe verboten wurden, erfolgreich im Bankenwesen waren. Demzufolge war das einzige Ziel der Nationalsozialisten, die Juden zu vernichten. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Nationalsozialisten in "Sansibar oder der letzte Grund" für das Böse auf Erden stehen. Jede der Hauptfiguren (außer dem Jungen) wird in irgendeiner Weise durch , die Anderen' bedroht.

     Alfred Andersch ist es ausserordentlich gut gelungen, das Schicksal verschiedenster Menschen im Nationalsozialismus darzustellen.

 
 

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